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À la carte

16.11.2018

In den Sonntagsmedien hat Tamara Funiciello – Präsidentin der Schweizer Jungsozialisten (Juso) und eine der Vizepräsidentinnen der SP Schweiz – kürzlich proklamiert, das Volk habe nicht immer recht. Denn in einer Demokratie würden ja nur diejenigen Menschen, die abstimmen dürften, entscheiden, was «Recht» sei. Das sei Ausübung von Macht; und manche, die die Macht hätten, hätten eben nicht recht. In ihren Ausschweifungen hat sich Frau Funiciello auf den Historiker Alexis de Tocqueville berufen, der die Gefahren der Demokratie im 19. Jahrhundert mit «Tyrannei der Mehrheit» beschrieben habe.

Tatsächlich. Im ersten Band seines Hauptwerks «De la démocratie en Amérique», dem 1835 erschienenen politischen Résumé aus der vier Jahre zuvor absolvierten Amerikareise von Alexis de Tocqueville, kommt dieser Ausdruck vor. Allerdings sah de Tocqueville, der später Aussenminister Frankreichs wurde, die Gefahr der Tyrannei der Mehrheit im Zusammenhang mit der gleichmacherischen Tendenz demokratischer Regierungsformen. Deshalb appellierte er gleichzeitig dafür, die Freiheit des Individuums zu schützen.

Das ist bemerkenswert. Denn gerade die politische Heimat von Tamara Funiciello operiert gerne mit Slogans, welche stets die Diktion «für alle» mit zum Inhalt haben. Dem Grundsatz der Absender nach sollen alle das Gleiche und davon gleich viel (oder allenfalls gleich wenig?) haben. 

Gleichmacherei als Grundprinzip, Ungleichheit als Skandal. So besehen müsste Frau Funiciello eigentlich eine glühende Anhängerin unserer Demokratie sein, denn laut de Tocqueville soll diese ja gleichmacherische Tendenz haben.

Bekanntlich stimmen Eigentümergemeinschaften demokratisch ab, auch Wohngenossenschaften. Gemäss einer der Schlussempfehlungen im Standpunkt der Juso-Präsidentin sollten Leserinnen und Leser jedoch anerkennen, dass es Rechte gebe, die wichtiger seien als der Wille des Volkes. 

Offenbar findet die Juso-Präsidentin Demokratie nur dann gut, wenn sie für sie stimmt – à la carte eben. 

Markus Meier, Direktor HEV Schweiz